Spielen Menschenrechte heute überhaupt noch eine Rolle?

Die Medien sind voll davon, wenn auf der Welt wieder grauenhafte Verstöße gegen die Menschenrechte aufgedeckt werden. An einem Ort arbeiten Kinder, damit Familien überleben können – die Nutznießer sind Reiche, die es nicht bekümmert, was aus den Kindern wird. An anderer Stelle gehen junge Mädchen auf den Strich, gezwungen von Zuhältern, perversen Vätern und mit schlimmen Folgen für das Leben. Abtreibungen, Aids-Infektionen: Das alles gehört zu diesem Leben. Folter ist in Kriegen ein willkommenes Instrument, sich Vorteile zu verschaffen – oder der Lust an der Grausamkeit zu frönen. Man fragt sich manchmal, wie die Menschenrechte überhaupt definiert sind, wo es doch auf der ganzen Welt immer wieder zu Eklats in dieser Angelegenheit kommt.

Die Kälte der Gesellschaft gegenüber Berichten in den Medien

Eine Menschengruppe trifft sich zum Grillfest, Ziel: Lecker essen, sich unterhalten, etwas trinken. Gerade zu Hause haben diese Menschen an den Grills noch die Nachrichten im Internet gelesen, im Fernsehen gesehen. Sie müssten eigentlich schockiert, aus der Bahn geworfen sein, keine Lust mehr auf das Feiern haben. Eigentlich. Denn in Wirklichkeit schaltet man das Mitgefühl mit den Betroffenen doch mit dem Computer oder dem Fernseher aus. Noch ein kurzes Sinnieren, doch dann das Statement: Was will ich ändern? Oder: Was geht es mich an? Und schon ist das Gehörte oder Gelesene, sind die brutalen Bilder aus den Gott sei Dank so weit entfernten Ländern vergessen.

Gemütlich legen sich die Menschen in ihre Wasserbetten, strecken sich aus und schlafen ein. Die eigenen Probleme und Erledigungen begleiten die Einschlafphase; das reicht aus, um beunruhigt zu sein. Immerhin kann man nicht die Welt von ihren Problemen befreien und hat auch nicht die Möglichkeit, jemandem in den betroffenen Regionen Trost zuzusprechen, eine Hand zu reichen oder anderweitig zu helfen. Selbst, wenn bekannt ist, dass Menschenrechtsverletzungen in der Nachbarschaft stattfinden, kümmern sich manche Menschen hierum nicht. Zu groß ist die Kälte gegenüber diesen Geschehnissen – oder die Angst, selbst in eine gefährliche Situation zu kommen. Abgestumpft durch die Häufung der Geschehnisse ist man zudem: Jede Nachrichtensendung, jede Zeitung ist voll von Brutalität, Ausbeutung, schwarzen Schafen und anderen negativen Berichten aus dem Weltgeschehen. Ein betrübtes Schulterzucken, ein trauriges darüber Nachdenken – mehr ist nicht übrig, sonst würden die meisten Menschen am Leid anderer Leute zerbrechen. Die Tragik einer ermordeten Schülerin, eine Vergewaltigung, die katastrophalen Lebensbedingungen in der Dritten Welt und so fort: Würde man an allem Anteil nehmen, sich um alles annehmen, wäre das Leben ein Desaster der Depressionen. Leider benutzen aber genau dieses Argument viele gleichgültige Menschen, die sich ruhig etwas von ihrem eigenen Vorteil abwenden könnten, um kleine, aber sinnvolle Hilfe zu leisten.

Organisationen kämpfen gegen Windmühlen

Solange die Menschen von der Gleichgültigkeit begleitet werden, ist es nicht absehbar, wann die Arbeit der Menschenrechts-Organisationen endlich anfängt, wirkliche Früchte zu tragen. Sicher wird manches Einzelschicksal verbessert, bekommen sogar Völkergruppen Hilfen. Solange jedoch die Weltbevölkerung nicht ihre Gesinnung ändert, bleibt alles beinahe unverändert. Die wichtigste Änderung betrifft hierbei wohl die Regimes, die ihre Bürger zwingen, für einen Hungerlohn elektrische Geräte und Kleidung herzustellen, für die der einzelne keinerlei Bedeutung hat. Politische Unterdrückung, staatliche Verfolgung anders denkender Menschen, die Folter und Kriegsverbrechen müssten aus dem Zeitgeschehen eliminiert werden. Andererseits müssten auch jene Menschen, die die günstigsten Dunstabzugshauben kaufen wollen, informiert werden, woher sie stammen, warum sie so billig verkauft werden können. Läden und Onlineshops, in denen die Herkunft der Produkte nachgewiesen wird, sind die rühmliche Ausnahme.

Gleichsam müssen kulturell bedingte Menschenrechtsverletzungen aus der Welt geschaffen werden. Dies ist jedoch nicht möglich, denn oft sind es Jahrtausende alte Dinge, die von den Anhängern der Kulturkreise und Religionen befolgt werden – die Beschneidung der Frau als sehr unrühmliches Beispiel, nicht aber als einzige Grausamkeit in dieser Beziehung. Doch wen kümmert es, wie ein Auto aus Japan beziehungsweise die Einzelteile für diese Fahrzeuge zustande kamen, wenn man selbst überlegen muss, wie man seinen Gebrauchtwagen finanzieren kann, da man finanziell angeschlagen ist? Wen jucken entführte Kinder anderer Menschen, wenn man selbst gerade mit einem pubertierenden Halbwüchsigen kämpft? Oder was kümmert Jemand die Zwangsehe, der selbst grad vor dem Beziehungsaus steht? All diese furchtbaren Dinge werden von den eigenen Problemen übertroffen, die einem viel näher stehen – mehr als ein schockierter Augenblick des Wahrnehmens bleibt nicht übrig.

Kriege: Auch heute ein gnadenloser Verstoß gegen Menschenrechte

Ohne Frage möchte heute niemand mehr zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges oder anderer historischer Auseinandersetzungen zwischen Völkern und deren Herrschern leben. Noch heute schüttelt es den Leser der Berichte über den Antisemitismus, die Apartheid und alles, was in der Menschengeschichte an Verfolgungen einzelner Völker in die Geschichtsbücher einging. Heute machen die Menschen Urlaub in Ländern, in die sie vor einigen Jahrzehnten gar nicht reisen durften – man denke nur einmal an die Vorgänge in Ostdeutschland, der damaligen DDR. Im Trabbi an den Balaton statt im Käfer nach Paris – das ist der Beginn eines Liedes, das es schöner nicht beschreiben könnte, wie eingeschränkt die Bürger der DDR leben mussten. Sie waren eine unscheinbare Nummer in einem Ganzen, das streng kontrolliert wurde. Menschenrechte spielten keine Rolle, während ein Nachbar oder Bruder den anderen an die Stasi verriet, Menschen aufgrund politischer Äußerungen unterdrückt und weggesperrt wurden. Kritik am Staat war ein Tabu – die Folgen drastisch. Das Ganze in direkter Nachbarschaft zu einem modernen, aufstrebenden Nachbarland – Westdeutschland, wo schon über die global gültige Reiseversicherung nachgedacht wurde, als die Mauern noch ehern zwischen dem heute wiedervereinigten Land standen.

Die Kriege der heutigen Zeit sind – zumindest in Deutschland – weit entfernt. Gleich, nachdem man sich eine Dokumentation über die Grausamkeiten des Jugoslawien Krieges angesehen hat, vereinbaren die Leute per SMS einen entspannenden Nachmittag in Spas oder anderen Entertainment Einrichtungen. Unbeirrt lebt der Großteil der Weltbevölkerung sein Leben weiter, um möglichst viele Annehmlichkeiten mitnehmen zu können. Hunger in der Dritten Welt ist tragisch, doch nicht zu ändern; Massenvergewaltigungen, Folter und andere grausame Dinge, die bei Kriegen in anderen Ländern stattfinden, sind furchtbar – aber was will man ändern?

Ausbeutung von Arbeitern, Kinderarbeit – Hauptsache billig!

Ein Teil der Verletzung von Menschenrechten entsteht aus dem Sparwahn, den die Menschen hier im Lande ausleben. Alles muss billiger als billig sein – statt Markenschuhen, die mit vernünftiger Bezahlung unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden, gibt es Billig-Importe. Wie diese sehr günstigen Schuhe produziert werden, sieht man immer wieder in den Medien. Die Arbeiter sind nicht nur grundsätzlich harten Bedingungen am Arbeitsplatz ausgesetzt. Viele Stunden dauert eine Schicht in einer chinesischen Fabrik. Dafür bekommen die Vollzeitarbeiter einen Lohn ausbezahlt, der dem monatlichen Taschengeld eines deutschen 12-Jährigen nahekommt. Eine Familie zu ernähren, ein Haus zu bauen, sich irgendwelchen Luxus leisten zu können? Fehlanzeige. Man lebt von der Hand in den Mund und ist gefangen in dem (staatlich durchgesetzten) Kreislauf der Ausbeuterei.

Neben den allgemeinen schlechten Arbeitsbedingungen müssen die Arbeiter in den Firmen ohne jeglichen Arbeitsschutz auskommen. Direkter Körperkontakt mit Chemikalien, zum Beispiel beim Färben des Stoffes in Fernost gefertigter Billig-Kleidung, wird automatisch vorausgesetzt. Da ist es jedem Verantwortlichen – auch dem Käufer dieser Waren – egal, ob die Mitarbeiter in jungen Jahren an Krebs erkranken oder sich anderweitig körperlichen Schaden zufügen. Agiert man dagegen, indem man zum Beispiel in Europa gefertigte Dirndl kauft, entzieht man den Arbeitern aber auch diese karge, bedauernswerte Lebensgrundlage des Arbeitsplatzes. Ein zweischneidiges Schwert also.

Während in Deutschland massiv gegen Schwarzarbeit und andere arbeitsrechtliche Vergehen vorgegangen wird, und sogar manche Detektei die Pflichten der Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Auftragsbuch stehen hat, sind die Angestellten nicht nur in der Volksrepublik China schutzlos der Willkür an ihren Arbeitsplätzen ausgeliefert. Die Probleme sind auf einer völlig anderen Schiene angesetzt. Der deutsche Bürger und Arbeitnehmer ist sich seiner Rechte, nicht immer aber seiner Pflichten bewusst. Er klagt über Arbeitslosigkeit, das bisschen Geld, das er mit Hartz IV in die Kasse bekommt, geht aber schamlos nicht angemeldet arbeiten und findet es noch ungerecht, die Kosten für die Detektei bezahlen zu müssen, wenn sein Arbeitgeber ihn der Schwarzarbeit überführen lässt.

Zwangsehen und Zwangsprostitution – auch das gibt es nebenan

Mitten in Deutschland, vielleicht gleich nebenan, hinter der Tür der konservativen Spießigkeit verborgen, könnte eine Zwangsehe das Thema sein. Hinterfragt dies jemand? Nur selten, denn man kehrt ja schließlich nicht vor der Türe des anderen. Zwangsehen sind leider eine Tatsache, auch im modernen Europa. Da leben fremde Nationen Tür an Tür, ohne sich zu respektieren, ohne sich um den anderen wirklich zu kümmern. Man sieht, welches Auto ein Nachbar fährt, wie oft er in den Urlaub fährt, ob und was er arbeitet, nicht aber, ob die Eheringe wirklich aus Liebe angesteckt wurde. Der Türke nebenan ist Normalität für die meisten Menschen in Deutschland. Ob seine Frau aber familienpolitisch ausgesucht wurde und die Kinder aus Liebe gezeugt wurden, fragt sich kaum jemand. Dabei ist hier das Menschenrecht auf wirklich größte Art und Weise verletzt, denn auch, wenn fremde Kulturen eine gewisse Toleranz erfahren, ist es dennoch eine unvorstellbare Verletzung der persönlichen Freiheit, mit jemandem verheiratet sein zu müssen, den man weder kennenlernte, geschweige denn lieben lernte.

Das gleiche gilt für die Zwangsprostitution: Junge Frauen lassen sich auf Schlepper ein, um den Missständen in ihrem eigenen Land zu entkommen. Sie landen in dunklen Etablissements, müssen zum Teil in Wohnungen – eingesperrt, des Passes entledigt und ohne Chance, zu entkommen – für die Schlepper der Prostitution nachgehen. Statt einen Job, der ihnen versprochen wurde, um im neuen Land Heimat und Auskommen zu finden, zu bekommen, führen diese Frauen ein Leben als Illegale, trauen sie sich aus Angst vor Abschiebung nicht, gegen die Schlepper und Zuhälter vorzugehen. Statt auf Immobiliensuche zu gehen und das erhoffte Glück in einer zivilisierten Welt zu finden, geht es ihnen schlechter, als im Heimatland, aus dem sie fliehen wollten. Nur wenige Frauen entkommen diesem Teufelskreis, der begann, als sie alles, was sie hatten, an die Schlepper bezahlt haben, nur für die Chance auf ein Leben ohne Armut und Krieg beziehungsweise politische Verfolgung.

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